Versicherungskrise in Gewerbe und Industrie – zwischen konservativem Underwriting und fehlender Präventionsanerkennung
Die Lage auf dem deutschen Versicherungsmarkt spitzt sich für viele Branchen zu. Besonders stark betroffen sind die Recycling- und Abfallwirtschaft, aber auch Holzverarbeitung, Logistik, Metall, Lebensmittel, Chemie und Automobilindustrie. Wie das RECYCLING magazin berichtet, werden diese Bereiche von Maklern inzwischen als schwer bis kaum versicherbar eingestuft. Die Folgen reichen von steigenden Prämien über höhere Selbstbehalte bis hin zu kompletten Deckungslücken – ein Risiko, das zunehmend den Wirtschaftsstandort Deutschland belastet.
Recycling als Brennpunkt
Nirgends ist die Krise so spürbar wie in der Recycling- und Abfallwirtschaft. Zwei Drittel der Maklerinnen und Makler geben an, dass hier kaum noch ausreichender Versicherungsschutz verfügbar ist. Grund sind die extremen Brandrisiken, verschärft durch die zunehmende Menge an Lithium-Batterien im Abfallstrom. Versicherer ziehen sich in großem Umfang zurück, Prämien steigen, und strengere Brandschutzauflagen belasten Unternehmen zusätzlich. Für viele Betriebe bedeutet das eine faktische Unterversicherung, da sie ohne umfassende Deckung im Schadensfall erhebliche Eigenrisiken tragen müssen.
Andere Branchen unter Druck
Doch die Krise ist nicht auf die Kreislaufwirtschaft beschränkt. Holz- und Rohstoffverarbeiter sehen sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert, da sie ebenfalls ein hohes Brand- und Explosionspotenzial aufweisen. Lager- und Logistikbetriebe geraten ins Visier, weil hohe Werte in konzentrierter Form auf engem Raum Risiken vervielfachen. Lebensmittel- und Kunststoffindustrie stehen wegen leicht entzündlicher Materialien und komplexer Produktionsketten unter Druck. Auch die Chemie- und Automobilindustrie sowie Teile der Immobilienwirtschaft melden zunehmend Engpässe. Übergreifend betroffen sind vor allem die klassischen Großrisiken: Feuer, Explosion, Betriebsunterbrechungen und Naturgefahren. Hinzu kommen Cyber-Risiken und internationale Haftpflichtfälle, die ebenfalls als schwerer versicherbar gelten.
Ursachen und Marktdynamik
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zum einen haben sich die Rückversicherungskosten in den vergangenen Jahren erheblich verteuert, auch wenn aktuelle Daten von Guy Carpenter zeigen, dass der weltweite Preisindex (Rate-on-Line) 2024 erstmals wieder leicht gesunken ist. Von einer nachhaltigen Entlastung kann dennoch keine Rede sein: Marktführer wie Munich Re und Hannover Rück warnen davor, die jüngsten Rückgänge überzubewerten. Zum anderen schränken regulatorische Vorgaben und ein gestiegenes Bewusstsein für Klimarisiken die Risikobereitschaft der Versicherer ein. In der Folge ziehen sich Gesellschaften strategisch aus ganzen Branchen zurück, wenn deren Risikoprofil zu volatil erscheint.
Diskrepanz zu positiven Versicherungsbilanzen
Vor diesem Hintergrund wirkt es paradox, dass große Versicherer wie Allianz in diesem Jahr Rekordergebnisse melden. Im ersten Halbjahr 2025 steigerte der Konzern seinen Nettogewinn um 13 Prozent auf 2,84 Milliarden Euro und bestätigte sein hohes Jahresziel. Die Erklärung liegt in der unterschiedlichen Risikostruktur: Während Spezialbranchen wie Recycling oder Chemie mit hohen Schadenpotenzialen kämpfen, profitieren große Versicherer von einer breiten Diversifikation, stabilen Einnahmen in der Lebensversicherung und Einmaleffekten aus Portfolioverkäufen. Die Krise ist damit real, betrifft jedoch nicht das Massengeschäft, sondern jene industriellen Nischen, die für Versicherer besonders herausfordernd sind.
Konservatives Underwriting oder fehlende Prävention?
Die Kernfrage lautet, ob die Engpässe vor allem durch übervorsichtiges Underwriting oder durch unzureichende Präventionsmaßnahmen der Unternehmen entstehen. Tatsächlich investieren viele Betriebe in moderne Brandschutztechnik, digitale Überwachungssysteme und Sicherheitskonzepte. Dennoch bemängeln Makler wie auch die europäische Aufsichtsbehörde EIOPA, dass solche Maßnahmen von Versicherern nur unzureichend honoriert werden. Oft fehlen belastbare Daten, um den Effekt präventiver Investitionen in den Risikomodellen abzubilden. In der Folge bleiben Prämien hoch, auch wenn Unternehmen erhebliche Summen in ihre Sicherheit stecken. Versicherer wiederum verweisen auf eine Reihe von Großschäden in den vergangenen Jahren, die konservatives Underwriting unausweichlich machten.
Stimmen aus der Branche
Der internationale Risikoberater WTW warnt, dass Kapazitätsengpässe quer durch alle Sparten bestehen und sich selbst bei großen Industrieunternehmen bemerkbar machen. Eine vollständige Absicherung sei auf dem deutschen Markt kaum mehr möglich; viele Firmen weichen auf internationale Versicherer oder Captive-Modelle aus. BDVM-Präsident Thomas Billerbeck unterstreicht, dass die Deckungsknappheit keine vorübergehende Erscheinung sei, sondern Ausdruck einer strukturellen Veränderung des Marktes. Branchenverbände wie der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) warnen zudem vor den volkswirtschaftlichen Folgen: Investitionen werden zurückgestellt, Standorte ins Ausland verlagert, und die Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung wächst.
Lösungsansätze und Ausblick
Als Auswege gelten verstärkte Präventionsmaßnahmen, die Bündelung von Kapazitäten über Großmakler sowie die Nutzung alternativer Risikoträger. Beteiligungsmodelle und Captive-Versicherungen gewinnen an Bedeutung, ebenso wie parametrische Deckungen, die auf klar definierten Auslösern beruhen. Politisch wird diskutiert, ob staatliche Unterstützung oder Garantien notwendig sind, um die Versicherbarkeit kritischer Industriezweige sicherzustellen. Klar ist: Ohne ein stärkeres Zusammenspiel von Versicherern, Unternehmen und Politik wird es kaum gelingen, die Deckungslücke zu schließen.
Die Versicherungskrise in der Gewerbe- und Industrieversicherung offenbart eine gewisse Schieflage. Einerseits melden große Konzerne Rekordergebnisse, andererseits kämpfen ganze Branchen um ihre grundsätzliche Versicherbarkeit. Das Problem liegt nicht allein in zu konservativem Underwriting oder mangelnder Prävention, sondern in einer fehlenden Balance zwischen Risikoaversion der Versicherer und der Anerkennung von Investitionen in Sicherheit. Solange diese Lücke nicht geschlossen wird, bleibt die Gefahr bestehen, dass Deutschland in wichtigen Industriezweigen an Wettbewerbsfähigkeit verliert.


Kommentar verfassen