Neodigital kündigt ausgewählte SHU-Verträge – Vermittler kritisieren Vorgehen
Das Insurtech-Unternehmen Neodigital aus St. Ingbert hat angekündigt, zum 1. Januar 2026 einen Teil seiner Verträge im Bereich Sach-, Haftpflicht- und Unfallversicherung (SHU) zu beenden. Die Maßnahme sorgt für deutliche Kritik unter Versicherungsmaklern.
Neodigital verwaltet laut SFCR-Bericht Ende 2024 insgesamt 434.290 SHU-Verträge. Die betroffenen Policen stammen aus den Sparten Unfall-, Allgemeine Haftpflicht-, Hausrat-, Wohngebäude- sowie Fahrradversicherung. Das Kfz-Geschäft bleibt unberührt, da es inzwischen vollständig bei der Huk-Coburg liegt.
Begründung: Kostensteigerungen und Marktanpassung
Das Unternehmen verweist auf steigende Schadenkosten und externe Belastungen: Inflation, höhere Material- und Handwerkerkosten sowie gesetzliche Vorgaben hätten die Schadenregulierung deutlich verteuert. Eine Einzelvertragsanalyse habe ergeben, dass bestimmte Policen langfristig nicht tragfähig seien.
„Wir müssen sicherstellen, dass Preise und Risiken im Gleichgewicht bleiben. Deshalb passen wir sowohl unseren Bestand als auch die Neugeschäftstarife an“, so Neodigital-Vertriebsvorstand Stefan Wirtz.
Kritik aus der Maklerschaft
Trotz des geringen Anteils am Gesamtbestand stößt der Schritt auf Widerstand. Besonders betroffen sind Makler, die erst kürzlich Verträge zu Neodigital umgedeckt haben. In Social-Media-Gruppen wie „Versicherungsvermittler Deutschland“ wird der Schritt teils scharf verurteilt.
Ein Makler bemängelt, dass Insurtechs oft zu aggressiv kalkulieren und später Verträge aus Kostengründen kündigen. Andere ziehen Parallelen zur Insolvenz von Element Insurance und verweisen auf Neodigitals anhaltende Verluste – 2024 lag das Minus bei 19 Millionen Euro.
Auswirkungen auf den Markt
Maklerpools wie Blau Direkt sind bereits informiert und suchen alternative Anbieter, insbesondere in den Sparten Unfall und Wohngebäude.
Ausblick
Die Kunden sollen ab Mitte September 2025 offiziell informiert werden, Makler haben bereits jetzt Zugang zu den Listen der betroffenen Verträge. Neodigital will parallel die Neugeschäftstarife überarbeiten, um sich künftigen Marktbedingungen besser anzupassen.
Ob dieser Schritt langfristig das Vertrauen in das Insurtech stärkt oder schwächt, wird sich zeigen. Fest steht: Für viele Vermittler ist die Maßnahme ein weiterer Beleg dafür, dass kurzfristige Kalkulationsstrategien in der Versicherungsbranche teuer werden können – für Anbieter und Kunden gleichermaßen.
Kommentar: Switch-Tarif als möglicher Bumerang
Angesichts dessen, dass Neodigital einen Großteil seiner Policenbestände über den sogenannten Switch-Tarif generiert hat, bekommt die jetzige Maßnahme zusätzliche Brisanz. Bei diesem Modell handelt es sich um eine 1-zu-1-Umdeckung, bei der bestehende Verträge anderer Versicherer übernommen wurden – oft mit einem Prämiennachlass von rund 5 Prozent.
Besonders kritisch: Bis vor wenigen Monaten stellte Neodigital bei diesen Switch-Umdeckungen gar keine Fragen nach Vorschäden. So konnten beispielsweise Wohngebäudeversicherungen mit mehreren Vorschäden problemlos in die Bestände von Neodigital transferiert werden– ohne dass das Unternehmen erfuhr, dass das versicherte Risiko bereits schadensbelastet war. Erst kürzlich wurde diese Praxis geändert und eine Abfrage eingeführt.
Die Folge: Über Jahre wurden auch potenziell stark schadensträchtige Verträge zu vergünstigten Konditionen in den Bestand aufgenommen. Dass diese Policen nun nicht kostendeckend sind, dürfte kaum überraschen – und macht die aktuelle Kündigungswelle für mich zu einem hausgemachten Problem.
Dass man bei Neodigital nicht hätte abschätzen können, was eine solche Praxis von Risikoübernahmen nach sich ziehen könnte, fällt mir schwer zu glauben. Ich denke eher, dass diese besondere Form des Bestandsaufbaus mit Kalkül und unter Inkaufnahme derartiger Folgen vollzogen wurde.
Für Vermittler stellt eine erneute Umdeckung – insbesondere bei in der Vergangenheit schadensbelasteten Risiken – erneut eine Herausforderung dar. Bei einer Neueindeckung der Verträge wird der Kunde in der Regel nach Vorschäden der letzten fünf Jahre befragt; nur wenige Anbieter beschränken die Abfrage auf drei Jahre. Das bedeutet für die Vermittler wieder einen erhöhten Aufwand, obwohl sie ursprünglich davon ausgingen, mit Neodigital eine langfristige Lösung für ihre Kunden gefunden zu haben.
Andererseits konnte man mit etwas Erfahrung wohl bereits erkennen, dass bei einer solchen Kalkulation und der Missachtung branchenüblicher Gepflogenheiten bei Neuanträgen – insbesondere durch das Nichtstellen von Antragsfragen – der daraus entstehende Bestand kaum nachhaltig sein würde.

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