Meine Antwort auf Axel Kleinlein: Fnanzielle Souveränität – ein schöner Begriff, der zu falschen Schlüssen verleitet?
Die Originalbeiträge auf die sich dieser Artikel bezieht, habe ich euch unter dem Text verlinkt.
Axel Kleinlein stellt mit seinem Vorschlag eines neuen Leitbilds – „finanzielle Souveränität“ – eine große, beinahe moralische Forderung in den Raum: Alle Menschen, unabhängig von Einkommen oder Bildung, sollen ihre Finanzen selbstbestimmt und informierter gestalten können. Seine Argumentation stützt sich dabei im Kern auf die von Finanzwende Recherche veröffentlichte Studie „Der Armutsnachteil“. Diese zeigt auf, dass die ärmere Hälfte der Bevölkerung im Durchschnitt lediglich über 6.000 Euro Nettovermögen verfügt – oft inklusive des Autos – und jährlich etwa 525 Euro durch schlechtere Finanzprodukte, überhöhte Gebühren und mangelnde Beratung verliert.
Diese Zahlen sind zweifellos alarmierend und verdienen Aufmerksamkeit. Doch genau diese Studie bietet auch Angriffspunkte gegen Kleinleins weitergehende Schlussfolgerungen. Sie wird als Beleg für strukturelle Benachteiligung im Finanzsystem herangezogen, doch unterschlägt dabei, dass viele der aufgezeigten Unterschiede nicht allein auf „bösartige“ Produkte oder fehlenden Verbraucherschutz oder provisionsgetriebenen Vertrieb zurückzuführen sind, sondern schlicht auch auf die schwierige finanzielle Lebensrealität von Menschen mit geringem Einkommen. Wer jeden Monat jeden Cent zweimal umdrehen muss, hat keinen Spielraum für Rücklagen – egal, wie „günstig“ ein ETF, ein Versicherungsvertrag oder ein Girokonto ist. Das ist kein Anlageproblem, sondern ein Einkommens- und Armutsproblem.
Gerade hier wirkt das postulierte Leitbild der „finanziellen Souveränität“ gefährlich idealistisch – ja fast zynisch. Wie soll finanzielle Souveränität konkret aussehen für jemanden, der mit 6.000 Euro Vermögen durchs Leben kommt, von denen noch das Auto abgezogen werden muss? Woher soll das Geld für Beratung, Vorsorge oder auch nur minimale Rücklagen kommen? In dieser Lage über „Renditen“ oder „Kostenquoten“ zu diskutieren, erscheint fast weltfremd.
Dazu kommt, dass Kleinlein die Provisionsberatung schon in der Vergangenheit scharf kritisierte, ohne je einen praktikablen Alternativvorschlag für die Beratungsfinanzierung vorzulegen. Ein pauschales Provisionsverbot mag auf dem Papier sauber klingen, würde in der Praxis aber vor allem eines bedeuten: Wer sich keine Beratung leisten kann, bekommt künftig schlicht keine. Denn wer soll in dieser Bevölkerungsgruppe Honorare von mehreren hundert oder gar tausend Euro für eine fundierte Beratung aufbringen? Gute Beratung verursacht Zeit- und Personalkosten, sie ist kein wohltätiges Nebenprodukt. Und Vermittler sind keine Ehrenamtlichen – auch sie leben von ihrer Arbeit, tragen Betriebskosten und haften für ihre Empfehlungen. Eine echte finanzielle Souveränität braucht also auch einen realistischen Zugang zu Beratung – nicht nur ein plakatives Provisionsverbot.
Besonders fragwürdig erscheint schließlich die Ablehnung der Forderung nach mehr Finanzbildung. Wenn Kleinlein diese als „gefährlichen Ratschlag“ diskreditiert, entsteht der Eindruck, als sei der Mensch nicht in der Lage, selbst zu lernen – oder schlimmer: als müsse er gar nichts mehr verstehen, weil der Staat alles schon so „einfach“ gestalten solle, dass kein Wissen mehr nötig sei. Aber wie soll das gehen? Soll der Staat künftig die Produktgestaltung und die Beratung übernehmen? Oder übernehmen dies dann die Verbraucherzentralen zwischen Beratungen zum Stromtarif, dem Verkehrsclub, dem Testsieger bei Waschmaschinen, zu Pauschalreisen und zu dem beste Menüservice für Pflegebedürftige und Senioren?
Wie soll so eine völlig transparente Anlageform mit geringsten Kosten, hoher Rendite, natürlich jederzeit verfügbar (falls die Waschmaschine kaputtgeht) und selbstverständlich unter staatlicher Aufsicht durch deutsche Behörden, auf einem globalen Finanzmarkt funktionieren, in dem Renditen, Risiken und Kosten weltweit bestimmt werden? Diese Idee wirkt nicht nur technokratisch, sondern schlicht realitätsfern. Ich sehe hier vor allem eines: Fragezeichen!
Ohne ein Mindestmaß an Wissen wird niemand souverän – weder im Straßenverkehr noch im Gesundheitswesen oder in steuerlichen Angelegenheiten und schon gar nicht in Finanzfragen. Die Forderung nach mehr Finanzbildung ist keine Schuldzuweisung an Menschen, die ihre finanzielle Souveränität verloren haben, sondern Grundbedingung für Eigenverantwortung. Wer souverän sein will, muss auch verstehen können, was mit seinem Geld geschieht – egal, ob er 6.000 oder 600.000 Euro besitzt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Vorstellung, dass mit immer mehr Regulierung automatisch auch mehr Verbraucherschutz und Einfachheit einhergeht, ist ein Trugschluss. Schon heute sind viele gesetzliche Produktinformationsblätter, Kostenaufstellungen oder Risikohinweise so formalisiert, so verklausuliert und so rechtlich überfrachtet, dass selbst gut ausgebildete Menschen sie kaum mehr durchdringen können. Jeder neue Ruf nach Regeln und Transparenzanforderungen führt in der Realität meist zu noch mehr Papier, noch mehr Kleingedrucktem – und am Ende zu noch weniger Klarheit. Das mag gut gemeint sein, erreicht aber oft das Gegenteil: eine Überregulierung, die echte Transparenz eher behindert als fördert.
Und schließlich bleibt der ökonomische Grundkonflikt bestehen – unabhängig von jeder moralischen oder politischen Einordnung: Wer nur 6.000 Euro besitzt – inklusive Auto –, wird rein aus Gründen des marktwirtschaftlichen Systems immer schlechter gestellt sein als jemand, der mehrere hunderttausend Euro zur Anlage bringen kann. Er wird schlechtere Konditionen erhalten, weniger attraktive Produkte, geringere Renditen – und er wird für seine Bank oder seinen Finanzberater wirtschaftlich schlicht weniger interessant sein. Das mag man ungerecht finden. Man kann es kritisieren, hinterfragen, politisch verändern wollen. Aber nennen muss man es beim Namen: Das ist Kapitalismus.
Daher meine Frage: Wollen Sie den Kapitalismus und die Marktwirtschaft abschaffen, Herr Kleinlein? Da gibt es, soweit ich weiß, entsprechende politische Betätigungsfelder!
Kleinleins Ausführungen drehen sich zwar ausführlich um das von ihm propagierte Leitbild, lassen jedoch jegliche konkreten Antworten vermissen, wie ein solches Leitbild tatsächlich im Detail aussehen und vor allem wie es umgesetzt werden soll. Der gesamte Beitrag wirkt nicht schlüssig und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Selbst nach mehrmaligem Lesen erschließt sich mir nicht vollständig, was der Autor uns eigentlich vermitteln möchte.
Zu den Originalbeiträgen: Webseite von Axel Kleinlein und LinkedIn
Zur Studie: finanzwende-recherche.de/unsere-themen/der-armutsnachteil


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