Recyclingbetriebe unter Druck

Versicherungskrise in der Recycling- und Abfallwirtschaft

Eine aktuelle Studie des Bundesverbands Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) zeigt: Die deutsche Abfall- und Recyclingbranche gehört zu den am stärksten von einer akuten Versicherungskrise betroffenen Wirtschaftssektoren. Demnach sehen 66 % der befragten Makler „ernsthafte Probleme bei der Versicherbarkeit von Risiken“ in dieser Branche – ein dramatischer Wert, der kaum noch in anderen Bereichen erreicht wird. Versicherer haben in den letzten Jahren ihre Kapazitäten für zentrale Gefahren wie Feuer, Explosion oder Naturkatastrophen deutlich zurückgefahren. Gleichzeitig werten viele Gesellschaften Investitionen in PV-Anlagen oder E-Ladestationen als versicherungserhöhend. Die Folge sind drastisch steigende Prämien, höhere Selbstbeteiligungen und verschärfte Vertragsbedingungen – auf einem ohnehin komplexen Risikoprofil.

„Besonders betroffen sind zentrale Branchen wie die Abfallwirtschaft und das Recycling“, warnt BDVM-Präsident Thomas Billerbeck. „Wenn Unternehmen keine ausreichende Absicherung mehr finden, gefährdet das den gesamten Wirtschaftsstandort.“. Auch der Verband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) weist darauf hin, dass genau jetzt – beim Aufbau der nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie – funktionierende Entsorgungs- und Recyclingstrukturen essenziell sind.

Versicherer ziehen sich zurück

Viele Versicherer reagieren auf diese Entwicklung, indem sie sich aus der Branche zurückziehen oder nur noch zu deutlich verschlechterten Konditionen decken. Spezialanbieter wie die Hübener Versicherungs-AG betonen zwar, sie stünden der Entsorgungswirtschaft „seit vielen Jahren verlässlich“ zur Seite. Doch branchenweit zieht sich die Deckung zurück: „Viele Versicherer ziehen sich aufgrund der seit einigen Jahren bestehenden Situation aus diesem Segment zurück oder bieten Policen nur zu deutlich verschlechterten Konditionen an“, heißt es bei Hübener. In der Folge seien die Versicherungsprämien “flächendeckend” stark gestiegen und für einzelne Unternehmen „ist es schlicht nicht mehr möglich, Versicherungsschutz für Feuerschäden zu erhalten“.

Insbesondere klassische Industrieversicherer reduzieren ihr Engagement: AXA und Gothaer, bis vor Kurzem bekannte Anbieter für Recyclingunternehmen, schreiben kaum noch Neukunden. Die Signal Iduna hingegen verlässt das Segment nahezu vollständig: Neue Anforderungen an anlagentechnischen Brandschutz und hohe Selbstbehalte seien praktisch nicht erfüllbar, berichten Branchenkenner. Selbst öffentliche Versicherer tragen kaum mehr neues Risiko – in einer Region ließ man Kunden wissen, dass man nur durch Prämienwachstum im Bestand, nicht durch Neugeschäft wachsen wolle.

Wirtschaftliche Folgen für Entsorger, Recycler und das Duale System

Die Versicherungskrise hat tiefgreifende betriebswirtschaftliche Konsequenzen. Entsorgungs- und Recyclingunternehmen sehen sich mit existenziellen Fragen konfrontiert: Einerseits steigen ihre Kosten durch teils stark erhöhte Versicherungsbeiträge und Selbstbehalte. Andererseits wächst die Gefahr von Leistungslücken. Nach größeren Schadensereignissen ziehen sich Versicherer zunehmend zurück oder setzen Prämien auf existenzbedrohende Niveaus. Viele abgebrannte Anlagen werden daher nicht wieder aufgebaut – was „dramatische Folgen für die regionale Entsorgungssicherheit“ hat. Dies führt zu Lücken in der regionalen Entsorgungsinfrastruktur: Fehlende Recyclingkapazitäten bedrohen die Versorgung mit Sekundärrohstoffen und gefährden die Zielvorgaben im Verpackungsgesetz sowie die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie.

Auch das Duale System reagiert besorgt: Die private Duale Systeme (z.B. Grüner Punkt, Interseroh etc.), die im Auftrag der Hersteller die Sammlung und Verwertung von Verpackungsabfällen organisieren, sind auf funktionierende Sortier- und Verwertungsanlagen angewiesen. Fällt ein Teil dieser Infrastruktur weg, drohen Engpässe bei der Erfüllung der vorgegebenen Recyclingquoten. Zur Illustration:

Die Zahl der Brände in Entsorgungsanlagen ist in den vergangenen Jahren alarmierend gestiegen – häufig ausgelöst durch falsch entsorgte Lithium-Ionen-Batterien.

Versicherungsexperten empfehlen daher verstärkt, in Risikoprävention zu investieren. Tatsächlich sehen 94 % der Maklerpräventivmaßnahmen als Schlüssel zur Verbesserung der Versicherbarkeit. So setzen viele Betriebe auf besseren Brandschutz, Schulung der Mitarbeiter und automatische Löschanlagen. Doch selbst bei hohem Aufwand honorieren Versicherer Investitionen in Sicherheit nach Ansicht vieler Betroffener nur unzureichend. Unternehmen müssen künftig also zugleich in Ressourcenschonung und Sicherheit investieren, während ihr Versicherungsschutz immer lückenhafter wird. Einige große Unternehmen prüfen bereits alternative Risikotransfers: Teilweise wird über eigene Captive-Versicherungen nachgedacht oder Rückversicherungen im Ausland abgeschlossen.

Lithium-Batterien als Brandbeschleuniger

Ein besonderer Risikofaktor sind falsch entsorgte Lithium-Ionen-Batterien. In der Branche ist seit Jahren eine alarmierende Zunahme von Bränden zu beobachten – etwa wenn beschädigte Akkus in Pressen oder Abfallhaufen Kurzschlüsse und Explosionen auslösen. Nach Angaben des bvse-Hauptgeschäftsführers Eric Rehbock hat sich das Brandrisiko in der Entsorgungswirtschaft in den letzten Jahren nahezu verzehnfacht. Besonders problematisch sind Batterien aus Einweg-E-Zigaretten: Schätzungen zufolge gelangen rund 80 Millionen Einweg-Vapes pro Jahr ohne Rücknahmesystem in die Abfallwege, wo sie Brände in Müllsammelfahrzeugen und Anlagen auslösen können.

Diese Brandgefahr belastet die Versicherer massiv – trotz zahlreicher Investitionen in Brandschutzmaßnahmen. Viele Brennstoff-, Altholz- oder Recyclingtonnenanlagen mussten schon zweimal am Tag vorsorglich kontrolliert oder abgeschaltet werden. Solche Großschäden haben vielerorts dazu geführt, dass Betreiber die weitere Versicherbarkeit ihrer Anlagen anzweifeln.

Politischer Rahmen: Kreislaufwirtschaftsstrategie und Verpackungsgesetz

Die Versicherungskrise trifft die Branche zu einem kritischen Zeitpunkt: Deutschland verfolgt umfangreiche Ziele in der Kreislaufwirtschaft. 2022 hatte die Bundesregierung eine nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie verabschiedet, die höhere Recyclingquoten und Recyclinginfrastrukturen fördern soll. Auch das 2019 novellierte Verpackungsgesetz (VerpackG) legt strenge Vorgaben für Sammlung und Verwertung von Verkaufsverpackungen fest. In diesem Rahmen sehen politische Akteure die funktionierende Entsorgungsinfrastruktur als unverzichtbar an. Der bvse betont, dass ohne sichere Entsorgungs- und Recyclingstrukturen die Transformation zur Kreislaufwirtschaft nicht gelingen werde.

Die Politik plant nach eigenen Angaben weitere Anpassungen: Laut Koalitionsvertrag sollen etwa § 21 des Verpackungsgesetzes reformiert und die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR) umgesetzt werden. Zudem hat sich die Regierung auf die Optimierung der Sammelsysteme für Batterien und Elektrogeräte verständigt. Konkrete Gesetzesvorhaben sind in Vorbereitung: So liegt ein Referentenentwurf zur Verschärfung des Elektrogesetzes vor und eine neue Batteriegesetznovelle ist diskutiert. Die Branche kritisiert jedoch, dass aktuelle Regelungen noch zu wenige Anreize setzen, Lithium-Batterien vorrangig über offizielle Rücknahmesysteme zu entsorgen.

Stimmen und Forderungen aus der Branche

Vor diesem Hintergrund wird in Verbänden und Unternehmen lautstark nach Lösungen gerufen. Der BVSE fordert ein umfassendes Maßnahmenbündel. Gefordert werden u. a. die Einführung eines Batteriepfands, die Einrichtung eines herstellerfinanzierten Fonds zur finanziellen Absicherung von Bränden sowie eine einheitliche Kennzeichnungspflicht für Batterien. Darüber hinaus soll Einweg-E-Zigaretten ganz verboten oder mindestens einem Pfandsystem unterworfen werden, um deren missbräuchliche Entsorgung zu unterbinden. Der bvse-Hauptgeschäftsführer Rehbock mahnt: „Ohne sichere und versicherbare Entsorgungsstrukturen wird die Transformation zur Kreislaufwirtschaft nicht gelingen“.

Ähnliche Vorschläge kommen vom BDE – Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft: In einem Positionspapier „Maßnahmen zum Umgang mit Batteriebränden“ verlangt der BDE eine Ausweitung der Herstellerverantwortung. Dazu gehöre ein verpflichtendes Batteriepfand (beispielsweise 50 Cent für Batterien ab 9 Volt) ebenso wie ein finanzierter Fonds, der Schäden durch Batteriebrände abdeckt. Außerdem fordert der BDE eine Novellierung des Elektro- und des Batteriegesetzes, um Sammelpflichten zu verschärfen und die End-of-Life-Regelung für Gerätebatterien stärker umzusetzen.

Versicherervertreter warnen ebenfalls: Der Leipziger Versicherungsberater Elmar Sittner (Sittner Risikomanagement) erklärte zuletzt, die Branche stehe am Rande eines Marktversagens. Alle großen Industrieversicherer müssten sich verpflichten, pauschal nicht aus diesem Markt zu fliehen. Zugleich wirbt er für technisches Risikomanagement: Betreiber müssten ihre Anlagen und Abläufe an die gestiegenen Anforderungen anpassen, weil nur so Versicherer Lösungen anbieten können. Dietmar Linde, Vorstand der Hübener Versicherung, betont, sein Haus verstehe die spezifischen Risiken der Branche und wolle „weiterhin einen stabilen Versicherungsschutz gewährleisten, der den besonderen Anforderungen gerecht wird“.

Mögliche Lösungsansätze

Angesichts der Dramatik werden verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Eine Idee ist der Aufbau eines staatlichen Rückversicherungsfonds oder Risikopools für die Branche, ähnlich bestehenden Fonds in anderen Sektoren (beispielsweise für Naturkatastrophen). Bislang gibt es hierzu jedoch keine konkreten Gesetzesentwürfe in Deutschland.

Auf Unternehmensseite rücken alternative Risikotransfers in den Fokus: Mehrere große Unternehmen erwägen die Gründung eigener Versicherungsgesellschaften („Captives“) oder die Absicherung im Ausland. Tatsächlich haben einige Recyclingbetriebe schon ein Teilrisiko selbst übernommen – etwa durch Bildung betrieblicher Rücklagen. So berichtet Elmar Sittner von einem privatrecyclingunternehmen, das sich gegen eine vollständige Deckung entschied und Teile seines Feuerrisikos selbst trägt: Von einer kalkulierten Schadenssumme von rund 17 Mio. € bleiben rund 7 Mio. € unversichert. Nach Ansicht mancher Fachleute könnte ein solches Modell künftig auch kommunalen Entsorgern zunehmend als Ultima Ratio dienen, wenn sie keinen bezahlbaren Versicherungsschutz mehr für letzte Risikoteile am Markt erhalten.

Insgesamt rufen Branchenvertreter Versicherer, Gesetzgeber und Hersteller zu einer „Schulterschluss“-Lösung auf. Die verbesserte Prävention dürfe nicht allein auf Seiten der Entsorger lasten – von Politik und Versicherungswirtschaft müssten flankierende Maßnahmen folgen. Nur so lässt sich nach Ansicht der BVSE-Experten „verhindern, dass das Rückgrat der Kreislaufwirtschaft durch untragbare Risiken ausgedünnt wird“.

Die aktuelle Versicherungskrise stellt die deutsche Recycling- und Abfallwirtschaft vor eine beispiellose Bewährungsprobe. Steigende Risiken (insbesondere durch Lithiumbatterien) und sinkende Versicherbarkeit erschweren Investitionen und gefährden ganze Entsorgungsstrukturen. Experten warnen, ohne sofortiges Gegensteuern könnten viele Anlagen langfristig brachliegen und die Versorgung mit Sekundärrohstoffen kollabieren. Politik und Wirtschaft müssen daher gemeinsam Lösungen entwickeln – seien es staatliche Rückversicherungsmodelle, gesetzliche Anpassungen im Verpackungsgesetz oder verbindliche Branchenfonds. Denn wie es der bvse zusammenfasst: Ohne versicherbare Entsorgungsstrukturen „wird die Transformation zur Kreislaufwirtschaft nicht gelingen“.

Quellen: BDVM-Studie und Branchenberichte; Verpackungsgesetz, Koalitionsvertrag und Kreislaufwirtschaftsstrategie; BVSE- und BDE-Mitteilungen; Fachartikel und Interviews mit Versicherungsberatern. (Alle Zitate kursiv markiert.)


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