Die aktuelle Studie „Deckungsnotstand in der Gewerbe- & Industrieversicherung“, die im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Versicherungsmakler e. V. (BDVM) von den Versicherungsforen Leipzig durchgeführt wurde, liefert interessante Einblicke in die gegenwärtige Situation des Versicherungsmarkts für gewerbliche und industrielle Risiken. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass deutliche Kapazitätsengpässe bestehen, insbesondere in Bereichen wie Feuer- und Elementarrisiken, Betriebsunterbrechung sowie Naturkatastrophen. Auch bestimmte Branchen wie die Abfallwirtschaft, die Holz- und Rohstoffverarbeitung sowie Lager und Logistik seien besonders betroffen. Darüber hinaus hebt die Studie die wachsende Bedeutung von Risikoprävention hervor, stellt aber fest, dass Versicherer entsprechende Maßnahmen noch zu wenig anerkennen. Zudem wird ein wachsender Zielkonflikt zwischen ESG-Anforderungen und Versicherbarkeit gesehen.
Die Ergebnisse der BDVM-Studie zum „Deckungsnotstand in der Gewerbe- & Industrieversicherung“ zeichnen ein klares Bild wachsender Herausforderungen im deutschen Versicherungsmarkt. Laut Umfrage sehen 80 Prozent der teilnehmenden Makler eine eingeschränkte Deckung im Bereich klassischer Sachrisiken, während 63 Prozent bei Betriebsunterbrechungen und 44 Prozent bei Naturgefahren ähnliche Entwicklungen beobachten.
Besonders betroffen sind Branchen mit erhöhtem Risikoprofil wie die Abfallwirtschaft, Rohstoffverarbeitung (insbesondere Holz) sowie Lager und Logistik. Hier berichten viele Makler von massiven Schwierigkeiten, überhaupt noch geeigneten Versicherungsschutz zu finden.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft das wachsende Spannungsfeld zwischen ESG-Anforderungen und Versicherbarkeit. Maßnahmen wie Photovoltaikanlagen oder Ladesäulen für Elektromobilität werden zunehmend als risikosteigernd eingeschätzt, was den Versicherungsschutz zusätzlich erschwert. 56 Prozent der Befragten sehen hierin einen direkten Zielkonflikt.
Zugleich rückt Risikoprävention stärker in den Fokus – allerdings beklagen viele Makler, dass Versicherer entsprechende Investitionen ihrer Kunden nicht ausreichend honorieren. Auch die Rolle von Beteiligungsmodellen nimmt zu: Bei knapper werdender Kapazität sind häufig mehrere Versicherer an einem Risiko beteiligt, was die Komplexität für Makler erhöht.
Insgesamt zeigt die Studie, dass der Zugang zu gewerblichem Versicherungsschutz schwieriger wird, während sich Makler mit steigenden Prämien, strengeren Bedingungen und wachsendem organisatorischem Aufwand konfrontiert sehen.
Kommentar und Studienkritik
Trotz dieser auf den ersten Blick relevanten Erkenntnisse ist die Aussagekraft der Studie in mehrfacher Hinsicht kritisch zu hinterfragen. Ein wesentlicher Schwachpunkt liegt in der fehlenden methodischen Transparenz. Die Studie basiert auf einer Umfrage unter 128 Mitgliedsunternehmen des BDVM – eine an sich relevante Zielgruppe, deren Aussagen jedoch auf ein spezifisches Marktsegment beschränkt sind. Es fehlt eine differenzierte Darstellung der Zusammensetzung der Stichprobe, etwa hinsichtlich Unternehmensgröße, regionaler Herkunft oder Branchenspezialisierung. Somit ist unklar, inwiefern die Antworten ein breites Bild des Marktes widerspiegeln oder nur die Perspektive besonders betroffener Maklerunternehmen wiedergeben.
Darüber hinaus wird die Methodik der Datenerhebung nicht offengelegt. Es fehlen Angaben dazu, wie die Befragung durchgeführt wurde – etwa ob es sich um ein standardisiertes Online-Formular, persönliche Interviews oder eine andere Form der Erhebung handelte. Auch über den Zeitraum der Umfrage, die Formulierung der Fragen, mögliche Filterkriterien oder Rücklaufquoten ist nichts bekannt. Ebenso bleibt offen, ob die Auswertung rein quantitativ erfolgte oder auch qualitative Elemente einflossen. Die fehlenden Informationen zur Studiendurchführung erschweren eine unabhängige Bewertung der Validität und Zuverlässigkeit der Ergebnisse erheblich.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die inhaltliche Tiefe. Die Studie liefert überwiegend subjektive Einschätzungen der teilnehmenden Makler, etwa zur Entwicklung von Prämien, Selbstbehalten oder Versicherungsbedingungen. Es handelt sich hierbei um ein Meinungsbild, das nicht mit objektiven Marktdaten wie Schadenquoten, Rückversicherungsprämien oder statistisch belegbaren Policenzahlen hinterlegt ist. Ohne solche fundierten Vergleichswerte besteht die Gefahr einer verzerrten Darstellung, insbesondere wenn besonders negativ betroffene Unternehmen eher zur Teilnahme bereit sind als andere – ein typischer Fall von Selbstselektionsverzerrung.
Hinzu kommt, dass die Ergebnisse offenbar nicht von unabhängiger Seite validiert wurden. Es liegen keine Hinweise auf eine wissenschaftliche Begutachtung oder Veröffentlichung in einem neutralen Fachkontext vor. Auch ein Abgleich mit Daten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), von Ratingagenturen oder anderen Branchenauswertungen fehlt. Damit bleibt unklar, ob die dargestellten Tendenzen tatsächlich den Markt als Ganzes abbilden oder lediglich eine Momentaufnahme aus Sicht eines Verbands darstellen, der naturgemäß eigene Interessen verfolgt.
Die Studie wurde im Mai 2025 unter anderem auf der Plattform der Fachzeitschrift „finanzwelt“ veröffentlicht. Eine ausführliche Studienpublikation mit Einblick in Fragebogen, Auswertungsprozess oder Rohdaten ist bisher nicht öffentlich zugänglich, was die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit weiter einschränkt.
Insgesamt vermittelt die Studie durchaus ein Stimmungsbild aus dem Maklermarkt und weist auf reale Herausforderungen in der Gewerbe- und Industrieversicherung hin. Dennoch genügt sie in ihrer aktuellen Form weder wissenschaftlichen noch statistischen Ansprüchen. Ohne eine breitere Datenbasis, eine klar dokumentierte Methodik und ergänzende Perspektiven bleibt die Aussagekraft begrenzt. Für eine fundierte Marktanalyse wären eine objektivere Datenerhebung, eine breitere Teilnehmerbasis sowie ein strukturierter Vergleich mit historischen Entwicklungen und externen Faktoren erforderlich. So bleibt die Studie letztlich eher ein Indikator für ein gestiegenes Problembewusstsein innerhalb eines bestimmten Maklersegments – jedoch kein belastbares Fundament für politische oder wirtschaftliche Schlussfolgerungen.
Die Ergebnisse der Studie wurden im Mai 2025 unter anderem auf der Website der Fachzeitschrift finanzwelt und im Onlinemagazin procontra veröffentlicht.
Da keine vollständige Studienpublikation vorliegt und die Methodik nicht transparent erläutert wird, ist die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit und Validität der Ergebnisse eingeschränkt.


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